Planlos nach Paris

Mitte Juni an einem gewöhnlichen Nachmittag fiel der Startschuss zu einem Event, der eigentlich schon im Februar fallen hätte sollen. Im Februar habe ich nämlich schon von der Blizzard Worldwide Invitational gehört und wollte unbedingt dorthin, aber jeder weiß wie das ist. Man weiß noch nicht mit wem man fahren soll, man zögert den Zeitpunkt in dem man die Karten reservieren möchte hinaus, bis der Wunsch immer blasser wird und man vergessen hat, dass man überhaupt dorthin will.
Aber im Juni hat mich ein Internet Kollege aus der Schweiz wieder an den Wunsch erinnert und mir gleichzeitig die Möglichkeit offenbart ihn zu erfüllen, denn im World of Warcraft Forum hat eine Unbekannte, vielleicht ein Engel oder eine Nachtelfin eine Karte angeboten und ich habe zugeschlagen.
Meine Reise führte über Stuttgart und wir wollten uns erst in Paris treffen, da die Schweizer cirka 12 Stunden vor mir in Paris, an einem Freitag ankamen und ich erst um halb 11 Uhr abends. Die letzten Stunden im Zug habe ich mir dann auch nicht mehr mit meinem Buch vertrieben, sondern schon mit ein paar Mini-Fläschen Whisky aus dem Bordrestaurant, die mit Erdnüssen serviert wurden. Die Nüsse habe ich immer noch.
In Paris, am Garde l’Est angekommen, hatte ich nur zwei Namen. Den Namen des Hotels der Schweizer und den Ort der Blizzard WWI. Vor dem Taxistand wartete schon eine ganze Schlange auf die viel zu wenigen Taxis, also reihte ich mich gar nicht erst ein und steuerte einen jungen Mann an, der auf einer Bank gegenüber der Straße versuchte bei einem hübschen Mädchen zu landen. Diese Kombination ist für Wegauskünfte immer vorteilhaft, da der Mann doch beweisen will, wie gut er sich im Leben oder nur in Paris, auskennt. Ich bekam eine genaue Zeichnung auf meine Reservationsbestätigung von Blizzard, mit der ich am nächsten Tag den Eintrittspass bekommen sollte und schon ging es in den Untergrund. Die U-Bahn lernte ich in den nächsten Tagen lieben und daran waren wohl auch ein wenig die Polen beteiligt, die ich gleich bei meiner ersten Fahrt kennen lernte und die mich recht schnell dazu überredeten eine halbvolle Flasche französischen Wein vor ihren Augen auf einen Zug auszutrinken. Danach verabschiedeten sie sich aber gleich und ließen mich nur mit ein wenig Lob zurück und mit der Zusicherung, dass ich ein netter Mensch sei. Dabei haben doch sie mir den Wein gegeben. Mir wurde es dann wohl schon vor meiner geplanten Station langweilig, denn ich fand mich plötzlich in einem der typischen Pariser Cafes wieder mit einem Pariser um die 40 der mir erneut beschrieb, wie ich zum Messegelände komme. Er hat mir auch noch ein Restaurant in das die Einheimischen gerne gehen, empfohlen und begleitete mich zur U-Bahn zurück, da ich wohl schon einen ziemlich betrunkenen Eindruck machte. So viel zu dem Vorurteil, es gäbe keine netten Franzosen.
Dann war da das erste Plakat, das mir heute auch von meinem Mousepad entgegen schaut. Der Lich King Arthas mit Frostmourne, Diablo im Hintergrund und die Königin der Klingen aus Starcraft schauten für einen Blizzard Fan selbst in Übergroße nicht wirklich bedrohlich aus, sondern sie lassen Adrenalin der Freude durch die Venen pumpen.
Das Hotel der Schweizer sollte in der Nähe sein. Ich drehte mich einmal im Kreis, doch es war keine Überraschung, dass ich den Namen Gabriel nirgends entdeckte – Paris hat man nicht mit einer Umdrehung sofort gesehen. Die Pariser Telefonzellen konnte ich ohne eine Wertkarte nicht benutzen und mein Handyakku hatte schon lange den Geist aufgegeben. Der Mensch scheint wohl doch widerstandsfähiger als die Technik zu sein. Mich zog nämlich immer noch das Leben an und nicht die Kraftlosigkeit. Vor einem Cafe gesellte ich mich einfach zu einer Gruppe, die sich sehr schnell als Besucher des gleichen Events, das mich in die Stadt der Liebe zog, herausstellten und wir lernten Tequila Caramel kennen und lieben. Irgendwann fragte ich den Besitzer des Cafes nach einem Telefon und erreichte die Schweizer und ich glaube ich wollte mir den Straßennamen des Hotels notieren, doch es landeten nur unidentifizierbare Striche auf einem Zettel. Ich torkelte in das nächste Hotel, keine Ahnung wer die horrende Rechnung im Cafe bezahlt hat, aber der Hotelbesitzer meinte zuerst er sei voll und dann 140, er korrigierte sich, 150 Euro für ein Zimmer. Ich drehte mich wortlos um, da war mir die Pariser Nacht lieber, nicht wegen dem Geld, sondern wegen der Unverschämtheit. Mit der erneuten frischen Luft muss der Tequila seine volle Wirkung entfaltet haben, denn dann wird es in meiner Erinnerung so dunkel, wie keine Pariser Nacht je sein kann.

Zwischen den dröhnenden Schmerzen in meinem Kopf höre ich eine Tür. Ich zwinge mich dazu die Augen zu öffnen und ich liege auf einem grünen Boden. Den Kopf auf meinem Rucksack gebettet muss ich hier wohl meinen wohl verdienten Schlaf gefunden haben. Doch wo war ich? Ich rappelte mich auf wie ein 90ig Jähriger und ging den Gang in die einzig mögliche Richtung entlang, denn gleich neben mir befand sich der Notausgang und meine Kopfschmerzen hatten Angst vor dem lauten Dröhnen eventueller Alarmsirenen. Ich fand einen Lift. Eine sehr willkommene Fortbewegungsmöglichkeit, wenn man einen Kater hat. Die Nummern an den Türen haben mich schon davon überzeugen können, dass ich mich in einem Hotel befand. So stand ich auch gleich in einer ziemlich edlen Hotelhalle. Sehr bemüht den Blick nicht Richtung Rezeption zu richten, schlich ich mich Richtung Tageslicht, Richtung Ausgang. Vor den Toren wagte ich mich dann auch umzudrehen. Das Arcor Ibis hatte mich sehr gut bewirtet, musste ich feststellen, obwohl ich kein Zimmer hatte. Nur wo war ich? Diese Frage drängte sich mir erneut auf. Mitten in Paris, verloren, ohne Orientierung, ohne einen bekannten Anhaltspunkt, musste ich feststellen und aus irgendeinem Grund musste lachen. Ein Frühstück würde meinen Kater vertreiben dachte ich und so suchte ich einfach nach einem geöffneten Cafe. Dort gab es Eier mit ausgezeichnetem Baguette. Ich mochte Paris jetzt schon und war noch nicht Mal auf der WWI. Ich gab ein zu großes Trinkgeld, malte mir kurz aus, wie es wohl wäre mit der attraktiven Kellnerin zu schlafen, die kaum Englisch verstand, fragte sie aber dann nur wie ich zu dem Messegelände käme. Sie sagte mir die Richtung mit einem schönen Lächeln, vielleicht hat sie sich etwas Ähnliches vorgestellt, obwohl ich bestimmt keine ansehnliche Erscheinung war. Trinkgeld hilft halt immer.
Meine Beine waren schwer, der Kopf schmerzte immer noch. Ich bestieg einfach einen Bus der vor meiner Nase hielt und wollte so lange wie möglich in die richtige Richtung fahren. Meine Adleraugen auf jeden Fahrgast gerichtet, der ein Kontrolleur sein könnte. Als der Bus dann in eine andere Richtung als die von der Kellnerin vorgeschlagene, abbog, war ich auch schon an der großen Straße, die mir bekannt vorkam und die einen kurzen Fußmarsch schnell wieder mit Blizzard-Plakaten belohnte.
Der richtige Eingang war dann auch kaum zu übersehen, da eine ewig lange Schlange davor immer weiter wuchs wie ein gemästeter Regenwurm. Alleine bis an das Ende der Schlange zu gehen, glich einer olympischen Disziplin, zumindest in meinem Zustand. Die Wartezeit verging auf der anderen Seite bergab und um einiges schneller wie mir vorkam. Dann noch schnell den Ausweis und den voll gezeichneten Zettel vorzeigen und da war ich. Die Blizzard Wordwide Invitational war für mich eröffnet. Vor der Halle war ein Zelt, mit der nächsten Schlange und als ich noch überlegte, ob ich mich einfach aus Gewohnheitsgründen dort einordnen sollte, wurde ein Band geöffnet und wilde Massen stürzten laufend an die andere Seite des Zeltes. War dort Britney Spears oder Freibier zu bekommen? Später erfuhr ich, dort wurden die Blizzard Goodie Packs ausgeteilt mit dem begehrten Beta-Key für „The Wraith of the Lich King“, das nächste World of Warcraft Expansion Set.
Für mich erstmal zu viel Stress, nach solch einer Nacht wollte ich nur Wasser und Orangensaft. Also betrat ich Halle 5 des Messegeländes und irgendwie fühlte ich mich sofort ein Stück wohler. Ein Blizzard Shop war zu meiner Rechten und ich fragte mich schon, was ich denn dort kaufen könnte. Auf der linken Seite hatte der Grafikkartenhersteller ATI und der Prozessorhersteller Intel einen Stand. Man konnte dort ihre neuesten Produkte mit Blizzard Games testen und die Computer mit den spielenden Menschen davor, erinnerten mich sofort an LANs oder an die Games Convention in Leipzig. Ich ging weiter und konnte gleich die ersten Blicke von Starcraft 2 erhaschen, denn dort waren weitere Computer, wo man dieses Spiel erstmals testen konnte. Als ich mich an der schönen Grafik von Starcraft 2 vorläufig satt gesehen hatte, wollte ich erstmal weiter streifen und entdeckte eine Bühne, wo alle Blizzard Intros mit guten Sound und kinogroßem Bild abgespielt wurden. Alleine das reichte mir schon für die 70 Euro Eintritt. Wer in einem Hotelgang schläft ist ein genügsamer Mensch.

Da fielen mir gleich zwei Sachen gleichzeitig auf. Erstens mein Kater und Durst und zweitens, dass viele Menschen vom geglaubten Ende der Messe her strömten. Durch die bisherigen Eindrücke siegte meine Neugier und ich entdeckte eine Rolltreppe, welcher Komfort, in einen oberen Stock. Dort war das erste was ich sah eine Nachbildung vom Thron des Lich King, den Arthas ja am Schluss von Warcraft III, The Frozen Throne, besteigt, und eine Nachbildung der Krone, die er dann aufsetzt. Nicht nur die Videos an den Leinwänden erinnerten mich an den einen Satz: „We are one!“ Ich wollte auch eins sein, doch erst später.
Dann streifte mein Blick nach rechts und die epische Hauptbühne baute sich vor meinen Augen auf und das erste Mal wurde mir klar wie groß dieses Event war. Doch erstmal sollte doch Wasser und Orangensaft gekauft werden, um für die kommenden Herausforderungen bereit zu sein und ich begab mich in die nächste Schlange.

Wenn ich hier Schlange sagen, dann mein ich immer mindestens 50 Personen vor dir und nach kurzer Zeit gleich viel hinter dir. Aber nach 20 Minuten war ich am Zuge und ich bestellte mir die ersehnten Getränke. Mit denen versuchte ich den letzten Winkel der Messehalle zu erreichen um dort ein wenig Ruhe und Erlösung von Kopfschmerzen zu finden.

Doch die Eröffnungsrede des Blizzard CEOs hatte schon begonnen und er beendete seine Ansprache mit Worten die man nicht vergessen kann: „Last years World Wide Invitational featured the global Premiere of Starcraft 2 and I know you have been wondering if we have any big news for you at this event! As it turns out, we do!“ Dann ertönte der altbekannte Diablo Sound, die Halle färbte sich rot und Fremde fielen sich in die Arme. Eine Halle von 20.000 Personen flippte aus und mein Kater war auch völlig weg gewischt. Ich sprang auch nur mehr rum wie dumm.

Jahre später 🙁

Mittlerweile ist Diablo 3 ja draußen und für die meisten doch ziemlich eine Enttäuschung und auch ich würde sagen die Vorfreude war besser als das Spiel dann selbst (Reaper of Souls noch nicht betrachtet). Aber ohne jetzt den Rest der Veranstaltung zu erzählen oder vom Feiern mit Amerikanern in der kommenden Nacht oder von meinen Kollegen, die nicht nur ein schwules Paar waren, sondern sich einfach schwuchtelig benommen haben, als der eine meinte er würde krank sein…. (kurz zu dieser Geschichte)… Sie waren am nächsten Tag auch gar nicht mehr auf der Convention und sind gleich in der früh heim und ich hab mich nur durch die Tür, im Bett liegend, mit erneutem Kater verabschiedet: „Ja,ja macht es gut!“

Ich mein ich hab nichts gegen Homosexuelle, aber solche Pussys sein. Ich mein in der U-Bahn streicheln und tätscheln und sofort aufs Zimmer verschwinden nur weil dem einen leicht übel ist. Dann nicht mit durch Paris bei Nacht streifen, aber, wenn ich am nächsten Tag, nachdem ich diese Nacht endlich wieder in einem normalen Bett und nicht auf einem Hotelgang verbringen konnte, beleidigt sein, wenn ich nicht um 8:00 Uhr morgens aus den Federn kriechen möchte, um sie ordentlich zu verabschieden. Ich mein das ist die Art von schwuchtelig, die nichts mit irgendeiner sexuellen Orientierung zu tun hat.

Naja sei es drum, ich war auf jeden Fall dabei als diese 4 Jahre dauernde Vorfreude auf ein Computerspiel begann, dass der Vorfreude leider nicht gerecht wurde. Daran ist aber Paris nicht Schuld und ich hab mich in so viele Details dieser Metropole verliebt, dass sie mich nicht zum letzten Mal gesehen hat.

Blizzard rockt, Paris rockt und manchmal ist Alkohol ein Lösungsmittel – zumindest wenn es um Schlafgelegenheiten geht!

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